VERBAND DER SPORTBOOT- UND SCHIFFBAU-SACHVERSTÄNDIGEN

Lehrreiches Fortbildungsseminar auf der RIVA-Werft

Ein Olymp für Bootsbauer liegt in Sarnico am Iseosee. Das malerische Gewässer ist die Heimat von Carlo Riva, der in den 50er Jahren hölzerne Motorboote konstruierte und mit seinem Namen versah. Der Rest ist Geschichte: Riva-Motorboote gehören zum wertvollsten, was auf dem Wasser unterwegs ist. So wie Automobile des Typs Horch oder Maybach steigt ihr Wert sogar kontinuierlich weiter an. Ein Grund hierfür liegt darin, dass nur rund 6.000 Stück gebaut wurden. Diesem Wallfahrtsort stattete eine Seminargruppe vom Verband der Sportboot- und Schiffbau-Sachverständigen e.V. am 13. Februar 2009 einen Besuch ab, um einen Tag hinter die Geheimnisse von Riva zu schauen. 

Von der Seeuferstraße wirkt das Gelände abweisend und kühl –  fensterlose, haushohe Betonwände versperren den Blick. Ein Gittertor versperrt die schmale Durchfahrt; für gewöhnliche Sterbliche ist hier Endstation. Allein die persönlichen Kontakte von Detlev Löll, Vorsitzender des VBS, mit der italienischen Werftleitung haben wie ein Zauberwort gewirkt und alle Tore weit geöffnet. Auf dem Hof ist wenig Platz, der Blick fällt auf zwei geöffnete Hallentore – innen nur Riva. Aquaramas, Aristons, Juniors; eine Flotte dieser einzigartigen Holzyachten steht auf Holzschlitten in einem zweistöckigen Hochregallager, mit blauen Persennings zugedeckt, wie im Dornröschenschlaf. Ein Großteil davon befindet sich im Winterlager. Andere warten auf die Revision. 

Hinter den hohen Mauern empfängt Anselmo Vigani, Enkel des heute 87-jährigen Firmengründers und Geschäftsführer von Riva RAM, die Besucher aus Deutschland. Riva RAM wurde ursprünglich als Reparaturwerft gegründet und ist heute noch damit beschäftigt, die über alle Welt verstreuten Meisterwerke zu reparieren oder auch zu restaurieren. Vigani führt die Gruppe in aller Ruhe durch sämtliche Hallen und erläutert geduldig die Arbeitsschritte, die notwendig sind, um ein beschädigtes Riva-Boot wieder wie neu aussehen zu lassen. Alle Fragen beantwortet er mit größter Sorgfalt und lässt kein noch so geringfügiges Detail aus. Bereitwillig lässt man die deutschen Kollegen an den Betriebsgeheimnissen teilhaben.

50 Rivas pro Jahr werden in Viganis Jungbrunnen aufgefrischt. Seit Carlo Rivas Zeiten scheint sich kaum etwas verändert zu haben: Wenige Dutzend Facharbeiter sind in vier Hallen damit beschäftigt, in die Jahre gekommene Schmuckstücke aufzuhübschen, auszubessern oder komplett neu aufzubauen. Aber piano, piano: Bei Riva RAM herrschen Laborbedingungen. Die Werkstätten sind pieksauber, die Arbeiten finden in aller Gemütsruhe statt.
Die Werkstätten sind voll: In der Tischlerei liegt eine Aquarama, mit 8,23 Meter Länge einer der größeren Modelle von Riva, bis auf die Spanten entkleidet, wie ein toter Wal auf dem Rücken. Ein paar Jahre mangelnde Pflege reichen, um das anzurichten. „Wir müssen hier die gesamte Außenhaut erneuern“, sagt Vigani. Doch das Gerippe ist intakt, lediglich ein Spant wird ausgetauscht. Eine Halle weiter wird lackiert – mit dem Pinsel: Wer den sensiblen Holzrumpf einen Tick zu hart gegen den Steg bumst, hat sofort einen unschönen Kratzer in der Bordwand. Überall sonst würde man das Spachteln, überlackieren und gut – bei Riva wird vorsichtig geschliffen, anschließend Lack in bis zu 16 (!) Schichten aufgebracht, um die Unebenheit auszugleichen. Mit Stabilitätserwägungen hat das nichts zu tun: Rivas sind Kunstgegenstände, und so werden sie auch behandelt. Fürs Wasser sind sie eigentlich zu schade. Das sieht man besonders am Heck: Dort, wo der Spiegel rechts und links an die elegant geschwungenen Bordwände anstößt, ist bei den meisten Modellen ein Schwachpunkt: Vibration und Spannung sorgen hier bei vielen Booten für Bruch. Folge: Holz und Bohrungen verfärben sich, werden Schwarz. Was tun? Ein nicht eingeweihter Restaurator würde die faule Stelle herausschneiden und ein passgenaues Stück Mahagoni einsetzen – an beiden Seiten, der Symmetrie wegen. 

Den Kunsthandwerkern von Riva RAM entlockt ein solcher Pfusch allenfalls ein verächtliches Achselzucken. Sie ersetzen die fehlerhaften Stellen stückweise, optisch passend zum vorhandenen Holz, damit die Reparatur nicht zu sehen ist. In der Endmontage blitzt es auf diversen Werkbänken: Hier liegen die Typenschilder, Zierleisten und die unverwechselbaren Riva-Sterne als Chrom-Applikationen herum wie das Obst auf dem Marktstand.
Ein ergötzlicher Anblick – der sich nur noch steigern lässt, steckt man den Kopf ins Magazin. Da hängen sie an der Wand, fabrikneue Lenkräder in weiß, rot und türkis, die edlen Rundinstrumente, Fähnchen und weiße Keder. Bei einer Riva ging es nie um Praxistauglichkeit, sondern stets um die maximale Wirkung. Und das ist auch heute noch so. So erschlossen sich für die Sachverständigen aus Deutschland quasi im Vorübergehen wesentliche Merkmale der Fertigung und des verwendeten Materials bei Riva. Nach der Führung, die Signore Vigani mit großer Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft erledigt, kommt der Praxisteil des Seminars: In den zwei Lagerhallen steht je eine Aquarama aufgepallt, fertig zur Restaurierung. Aufgeteilt in zwei Gruppen, dürfen die fachkundigen Gäste nun selbst ihre frisch erlernten Riva-Kenntnisse anwenden und die beiden Exemplare begutachten. In Mängellisten ist einzutragen, was auffällt zwischen Bordwand und Armaturen. Hier ein Kratzer im Lack, dort ein fehlendes Typenschild. Und wo ist die verflixte Motornummer zu finden?

Im Ergebnis haben die Kollegen gut beobachtet, nicht allen war aber der enorme Qualitätsanspruch der Firma RIVA R.A.M. klar. Herr Dr. Vigani besprach die Begutachtungen im Detail mit den Teilnehmern.

Für weitere Informationen zu dem Seminarangebot des Verbandes der Sportboot- und Schiffbau-Sachverständigen e.V. wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle in Köln. Ansprechpartnerin ist Frau Eva Michalski (0221-59 57 112).

 

Die Teilnehmer haben einen umfassenden Einblick in das Restaurierungsverfahren und die einzelnen Arbeitsabläufe erhalten.
Herr Dr. Vigani, Geschäftsführer der Riva R.A.M. und Herr Löll, Vorsitzender des VBS standen den Teilnehmern bei den anschliessenden Begutachtungen unterstützend zur Seite (v. links nach rechts).